Dienstag, 22. April 2014

Upcycling aus der Krise

Mein Quilterinnenleben wird in ziemlich regelmäßigen Abständen von heftigen Krisen begleitet. Die können entstehen, wenn die Wetterlage schlecht ist (was in diesem Winter erfreulicherweise kaum ein Problem war), oder wenn eine Idee, die ich mir in den Kopf gesetzt hatte, nicht wirklich zu funktionieren scheint, oder wenn ich mal wieder irgendwo abgelehnt worden bin. Oder einfach mal so zwischendurch – was mache ich hier eigentlich, was soll das, wohin soll das führen, ist Quilten mit künstlerischem Anspruch nicht sowieso völlig hirnverbrannt?
Vielleicht kommt das ja daher, dass ich schon aus einer Lebenskrise heraus so intensiv mit dem Quilten angefangen habe. Denn als mir endgültig klargeworden war, dass mein ziemlich gut bezahlter Job an der Uni auf Dauer nicht die Erfüllung bringen würde, die ich mir von beruflichem Tun erhoff(t)e, war erstmal guter Rat teuer. Zu hochqualifiziert für alles, aber letztendlich nicht wirklich etwas Vernünftiges gelernt, mit dem ich mir eine neue Stelle hätte suchen können, da schien die Aussicht, den ganzen Tag kreativ sein zu können, Kunst zu machen, hin und wieder mal einen Workshop zu unterrichten, sehr verlockend. Dass ich damit nicht reich werden, nicht einmal ansatzweise meinen Lebensunterhalt würde verdienen können, war mir zwar klar, aber mein Mann hat es von Anfang an aus voller Kraft unterstützt. (Wieviel es mir irgendwann ausmachen würde, nicht mehr selbst ein sattes Einkommen mit nach Hause zu bringen, konnte ich mir damals überhaupt nicht vorstellen und letztendlich ist das eine andere Geschichte – spielt aber vielleicht auch ein bisschen in die Krisen mit hinein?)
Nach meiner Rückkehr aus Prag hatte ich jedenfalls eine heftige Krise. Meine Idee für die Wide Horizons, die ich am letzten Tag in Prag nach Abschluss meiner Materialsammlung am Stand skizziert hatte, hatte ich zwar mit Riesenelan angefangen, war dann aber ganz schnell an Hindernisse und Grenzen gestossen, die mir deutlich machten, diese Idee ist entweder noch bei weitem nicht ausgereift, oder aber vielleicht völlig untauglich. Da wollte ich eigentlich mal wieder hinschmeißen.
Im Gespräch mit meinem Mann entstand noch eine ganz andere Idee, die auch trotz des langsam zunehmenden Termindrucks noch realisierbar ist, und ich konnte damit anfangen, werde sie auch fertig bekommen, und der wird auf jeden Fall gut. (Außerdem passt er auch in die Ausstellung im Oktober, sollte er nicht für die Wide Horizons ausgewählt werden.)


Im Hintergrund schwelte die Krise aber doch irgendwie weiter, und eine schon seit längerem geplante Fahrt zu einem Besuch bei meinen Eltern war eine willkommene Abwechslung. Waldspaziergänge inklusive!
Keine Gedanken ans Quilten verschwenden – nur ein Strickzeug mitnehmen... 

Alles andere als unkompliziert... das wird aber mal ein eigener Post!

Ein schöner geplanter Ausfluge mit meinem Sohn scheiterte dann allerdings an disziplinarischen Umständen – nicht gerade stimmungsfördernd für die dann allein durch Karlsruhe ziehende Mutter. Nicht mal richtig Lust auf einen Museumsbesuch hatte ich, daran kann man ermessen, wie mies ich drauf war.
Die Rettung kam am letzten Abend unseres Aufenthaltes dort, als ich eine E-mail von einer guten Freundin aus Neuseeland bekam, die für ihr neues Enkelkind eine Babydecke haben wollte, und um Rat bat, welchen meiner fertigen Quilts ich dafür für geeignet halte. Ich habe überhaupt keine Probleme damit, Quilts von mir, die irgendwie keinen ‚bleibenden’ Platz an einer Wand gefunden haben, irgendwann in Decken oder Ähnliches umzuwandeln. Letztes Jahr habe ich einen meiner älteren Quilt, der allerdings auch keinen besonders hohen künstlerischen Anspruch erfüllte, für ein neues Adoptivkind  durch Nachspuren der Quiltlinien waschmaschinenfest und funktionsfähig gemacht. 


Und dieses Jahr habe ich einen anderen Quilt zerschnitten und vier Kissenhüllen daraus genäht. (Und in dieser Form halte ich ihn für gelungener als vorher.) Das Modern Quilt Movement ist ja darauf aus, zeitgenössiches Quilts mit Funktionalität hervorzubringen, vielleicht liege ich damit im Trend?
Eine Babydecke hatte ich nun nicht gerade nur so rumliegen, und die zwei zur Zeit fertigen Decken sind alle beide ‚groß’.



Meinem Sohn wollte ich auch nicht zumuten, einen Teil der Blöcke, die für eine Decke für ihn schon fertig sind, herzugeben und dementsprechend länger auf die Fertigstellung seiner Decke zu warten, an deren Musterlegung er schon eifrig gearbeitet hatte:


Also habe ich innerlich meine Quilt-Lager durchgesehen, einen aus dem Jahr 2005 wiederentdeckt, und ihn meiner Bekannten vorgeschlagen.


Sie war begeistert, und so habe ich ihn etwas kleiner geschnitten. Eine zusätzliche Lage Batting und eine neue Rückseite, einige Quiltlinien hinzugefügt, und einen Rand drum – die Arbeit eines Tages, sehr befriedigend! Upcycling nennt sich das wohl auf Neudeutsch. 




Es gibt einfach nichts Besseres, als an einer Babydecke zu arbeiten, um sich aus einer Quiltkrise herauszuholen. Da macht man etwas, das wirklich sinnvoll ist, kann seinen eigenen künstlerischen Ansprüchen entsprechen und genügen (oder so etwas Komisches völlig außer Acht lassen) und sich nur am Nähen erfreuen.

Das heißt nicht, dass die nächste Krise damit abgewendet wäre. Aber nachdem man gerade eine schöne Babydecke auf die Post gebracht hat, kommt es einem jedenfalls so vor, als ob diese nächste Krise erstmal ganz weit weg sein muss.

Ergänzung am 23.4. Regina, hier ist ein Bild von der fertigen Decke, um zu zeigen, dass der Quilt immer noch schön ist:


Kommentare:

  1. Wenn's Dir aus der Krise geholfen hat, ist's ja gut, aaaaber: Diesen schönen Quilt zerschneiden tut doch in der Seele weh!

    AntwortenLöschen
  2. Aber er ist doch immer noch schön. Und jetzt hat er eine viel sinnvollere Bestimmung, als aufgerollt auf dem Schrank zu liegen. Das ist ein Aspekt am Quilten, der mich stört: die Ergebnisse, so schön sie sein mögen, geraten viel zu schnell in einen Zustand der Vergessenheit, weil sie nicht gesehen werden, denn man hat ja gar nicht genug Platz, alle immer aufzuhängen. Ich bin mit dieser Lösung sehr zufrieden!

    AntwortenLöschen