Samstag, 14. Oktober 2017

Post

Im vergangenen Jahr habe ich mich mehrfach hingesetzt und Leserbriefe an Zeitungen geschrieben. Ich selbst lese eigentlich keine Leserbriefe, deshalb ist es mir lange Zeit auch nicht in den Sinn gekommen, welche zu schreiben, aber bei 'meinem' Thema mit der Flüchtlingsthematik konnte ich schon einige Male nicht schweigen. Sie sind eigentlich auch immer abgedruckt worden, der letzte erst vor zwei oder drei Wochen in der Süddeutschen Zeitung, als Reaktion auf einen Leitartikel, in dem eine Frau Sicherheitsbedenken von Frauen mit der Anzahl von Flüchtlingen im Land verknüpft hat, unter dem Motto 'jetzt haben wir so viele Flüchtlinge im Land, und schaut euch all die Vergewaltigungen an, die jetzt passieren'. Da habe ich dann gemerkt, dass es tatsächlich einige Leute gibt, die Leserbriefe lesen, denn ich bin auf diesen Brief von etlichen Menschen angesprochen worden. Auch von einigen, die mich zu dem Zeitpunkt, als der Leserbrief erschien, noch gar nicht persönlich kannten, aber dann ein paar Tage später kennengelernt haben.
In dieser vergangenen Woche aber habe ich Post bekommen. Erstens von der Staatskanzlei in München.


Denn kurz vor der Bundestagswahl habe ich auch an den Ministerpräsidenten geschrieben, dass er doch bitte endlich aufhören möchte, politisch so rumzuholzen, dass er den Geduldeten im Land ebenfalls Arbeitserlaubnisse ermöglichen solle.  Knapp drei Wochen später also schon eine Reaktion - der Ministerpräsident lässt mir für mein Schreiben danken und hat es zur Prüfung ans Innenministerium weitergeleitet, ich möchte mich doch noch ein bisschen gedulden, bis ich von dort höre. Das wird noch dauern, denke ich, denn an den Innenminister hatte ich zeitgleich geschrieben, und von dem habe ich noch nichts gehört. Nicht einmal eine Reaktion, dass er mir für mein Schreiben danken lässt. Bin gespannt, an wen er das weiterreichen wird.
Die andere Post, die vor kurzem ins Haus flatterte, ist weniger erheiternd. Ohne Absender versendet (mit Briefstempel Briefzentrum 49, also schon ein bisschen weg von Bayern) bekam ich einen Ausdruck einer Amazon-Seite für dieses Buch:


Eine Internetrecherche konnte keine Erhellung bringen, sondern hat in mir den intensiven Eindruck hinterlassen, dass es sich um verschwörungstheoretischen Quatsch handelt. Was genau mit dieser neuen Weltordnung und Bedrohung durch den Satan gemeint sein soll, ist nicht ersichtlich, und welche Rolle sogenannte Christen darin spielen wollen, auch nicht.
Beunruhigend finde ich allerdings, dass eine Person sich die Mühe macht, mir diesen Ausdruck zuzusenden. Die Handschrift, in der die Adresse geschrieben wurde, kenne ich nicht - und ich habe ein wirklich gutes Gedächtnis für Handschriften - und die Entfernung deutet darauf hin, dass es eine Person ist, der ich nicht täglich begegne. Dennoch - es ist kein schönes Gefühl. Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien, sondern daran, dass ein offenes und respektvolles Miteinander aller Menschen die Grundvoraussetzung dafür ist, dass wir auf diesem Planeten gemeinsam leben können. Obwohl ich mit einem Pfarrer verheiratet bin, kann man mich vielleicht nicht als besonders intensive Kirchgängerin bezeichnen, aber ich bin der Meinung, dass das, was ich in den letzten Jahren aktiv im Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise getan habe, ein weitaus besseres gelebtes Christentum darstellt als das derjenigen, die sonntags in die Kirche rennen aber keinerlei Bemühungen unternehmen, den Leuten, die hier gelandet sind, irgendwie zu helfen. Sondern stattdessen nur diffuse Angst um ihre Pfründe haben. (Ein Gemeindemitglied meinte neulich beim Gemeindefest, dass der nun von den Behörden für die Kuchentheke vorgeschriebene Spuckschutz, hinter dem die Kuchen aufbewahrt werden müssen, nur daher käme, weil vor zwei Jahren 'die alle an der Grenze alles Essen wieder ausgespuckt hätten, weil sie Angst vor Schweinefleisch hatten'.)
Vor zehn Jahren bin ich mal durch Zufall und Unachtsamkeit, und weil ich noch nicht genug über die Stadt, in der wir damals erst zwei Jahre lebten, wusste, auf die Kandidatenliste einer der Parteien für den Stadtrat gekommen. Nicht als Parteimitglied, denn das war und bin ich nicht. Daraufhin kriegte ich im Abstand von mehreren Wochen drei anonyme Briefe, die mir vorwarfen, ich solle mich lieber um mein kleines Kind kümmern, als mich in die städtischen Belange einmischen zu wollen. Im Gespräch mit dem Parteichef, der mich da auf die Liste geholt hatte, erfuhr ich, dass es in der Stadt häufig vorkomme, dass anonyme Briefe verschickt wurden. Aber man hätte die Personen noch nicht ausfindig machen können. Danach war ich sehr froh, dass die Stimmenzahl für mich nicht gereicht hat, um mich in den Stadtrat zu bringen.

Meine Meinung sage ich trotzdem. Und vielleicht muss ich das noch viel lauter und penetranter tun. Schade ist nur, dass offensichtlich andere Leute zu feige sind, das in einer ehrlichen und offenen Diskussion zu tun, um so zu einem fairen Meinungsaustausch zu gelangen. Ich mag keine Heimlichtuerei, und ich verachte Feigheit. Und die paar Flüchtlinge, die bei uns im Land sind, sind nicht hier, um unsere Gesellschaft umzukrempeln. Sie könnten natürlich gut integriert werden, wenn die politischen Akteure endlich mal ihren Standpunkt relativieren würden, effektivere Bearbeitungsprozesse installieren würden und den gesamtgesellschaftlichen Notwendigkeiten Rechnung tragen würden. Dann könnte man doch irgendwann sagen, "Wir haben das geschafft."

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