Als ich im April im Bechtler Museum of Modern Art in
Charlotte, North Carolina, war, habe ich allerdings drei Stücke gesehen: eines
war ein gewebter Teppich von Picasso, eins trug den Titel „Modern Tapestry“ (Moderner
Wandbehang) und war von Roy Lichtenstein. (Wobei mich bei beiden sofort die
Frage überfiel: und wer hat gewebt oder geknüpft – vermutlich nicht die beiden
Künstler selbst?) Das interessanteste von den Kunstwerken aus Textil war
allerdings das dritte Stück, das die Familie Bechtler von J. Miró geschenkt erhalten
hatte: es war sein Putzlumpen für die Pinsel, also ein löchriges und
farbverschmiertes Tuch. Nachdem Herr Bechtler es bei einem Besuch im Atelier
mal begutachtet hatte, hatte Miró es auf einen Rahmen gespannt, mit seiner
Unterschrift versehen und auf die Rückseite eine Widmung für die Familie
Bechtler hinzugefügt. Was meine insgeheim gehegte Hypothese eigentlich
bestätigt: es ist die Signatur, die die Kunst (aus)macht.
Sonst sind Textilien wirklich nicht zahlreich vertreten. Das
Buchheim Museum in Bernried (der korrekte Name lautet “Museum der Phantasie”),
hat allerdings eine bemerkenswerte Ausstellung von Textilien. Lothar Buchheim, Filmemacher, Autor, Sammler, Journalist und Abenteurer hat
nicht nur die Expressionisten gesammelt als sie niemand sonst haben wollte, sondern
eigentlich alles, was irgendwie sammelbar war. (Demnächst wird es in dem Museum
eine Sonderausstellung über Buchheims Sammlung von Orangenpapieren geben –
erinnert sich noch jemand an die Zeiten, als Zitrusfrüchte aus
konservatorischen und transporttechnischen Gründen einzeln in bunte Papiere
eingewickelt waren, die zu enthüllen diese besondere Verzögerung der Genußsteigerung
vor dem Verzehr der damals noch als Luxusgüter angesehenen Südfrüchte war...?) Vor
kurzem feierte das Museum sein 10-jähriges Bestehen.
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Blick auf den Ausstellungsraum von der Lese-Ecke |
Im Verlauf einer Afrika-Reise im Jahr 1978 hat Buchheim eine Reihe von Textilarbeiten des Applikationskünstlers Alphonse Yémadjè in der heutigen Republik Benin gekauft, von denen mittlerweile zehn im Museum ausgestellt sind.
Während der vergangenen Woche waren wir im Rahmen des Kurses
“Farbe – Form – Objekt: Textiles nach Bauhausphilosophie” von Margit Amann vonGlembotzki mit einer Führung dort im Museum, um uns gerade diese Textilarbeiten
anzusehen.
Die Stücke sind im unteren Stockwerk des Museum ausgestellt,
im Umfeld der übrigen weitgehend unbeschrifteten Afrika-Exponate.
Dank des
besonderen Einsatzes eines Mitarbeiters, der leider mittlerweile das Museum
verlassen hat, sind wenigstens diese Textilien beschriftet, mit
einigen zusätzlichen Erläuterungen versehen, und werden so der völligen
Obskurität entrissen. Die Textilien – allesamt in Applikationstechnik ausgeführt
- werden „Genähter Gesang“ genannt und stellen geschichtliche Epochen aus den
letzten vorkolonialen Jahrhunderten dar, so z.B. Schlachten zwischen den
Königen und verschiedenen Gegnern, die ursprünglich als orale Geschichte in
Form von Gesängen von Generation zu Generation weitergegeben wurden, mit dem
Auftauchen von leichten Stoffen aber dann auch als Gedächtnisstütze in
Textilien ‚festgehalten’ wurden. Die Applikationstechnik durfte nur von wenigen
auserwählten Familien im Dienste des Königs des damaligen Königreiches Dahomey
(in der Gegend des heutigen Benin) ausgeübt werden, und die Arbeit blieb den
Männern vorbehalten. Der Erschaffer der heute im Buchheim-Museum ausgestellten Arbeiten
ist ein Nachfahre dieser Familien und erhielt 1992 den Staatspreis der Republik
Benin für seine Arbeit. Ob er noch lebt, wusste unsere Museumsführerin
allerdings nicht.
Unsere Museumsführerin hatte sich extra und intensiv auf unsere Führung
vorbereitet, die in dieser Form vorher noch nicht gewünscht worden war. Sie selbst gab
zu, sich vor dieser Vorbereitung nicht ausführlich mit den Stücken beschäftigt oder ihnen
wirkliche Aufmerksamkeit gewidmet zu haben, außer der Tatsache, dass sie immer
darauf hingewiesen habe, dass die Expressionisten, die ja Schwerpunkt des
Museums sein sollen, ihre Kunst-Auffassung und Ausführungsweise von eben solchen
ethnischen Kunstwerken her entwickelt hatten (beispielsweise die Verwendung von
leuchtenden oder bunten Farben für Gesichter als Ausdruck für Stimmungen,
anstatt eine realistische Darstellung anzustreben).
Bedauerlicherweise sind diese faszinierenden Stücke völlig
ungeordnet ausgestellt, die Tafeln mit geschichtlichem Hintergrund nur ungenau
den einzelnen Stücken zuzuordnen, und dass es sich bei dem ‚Königreich Dahomey’
um die Gegend des heutigen Staates Benin handelt, muss man auch eher indirekt
erschließen. Dies beruht auf Buchheims Auffassung,
dass Museumsbesucher nicht durch in seinen Augen überflüssige Informationen
überfüttert oder von ihrer eigenen freien Betrachtung abgelenkt werden sollten,
daher ja auch der Name „Museum der Phantasie“. Es führt allerdings eben auch
dazu, dass Besucher, die keine grundlegende völkerkundliche Ausbildung haben,
mit der weitestgehend unbeschrifteten Afrika-Ausstellung nur äußerst wenig
anfangen können. Oder dass diese interessanten Textilien ohne eine solche Führung sich nicht wirklich erschließen lassen.
Da hat ein großes Museum interessante Textilien in seinem
Inventar, und macht so wenig daraus... Unsere Museumsführerin meinte, wenn es
jetzt nicht das Buchheim-Museum wäre, hätten diese Stücke sicher kaum eine
Chance, jemals in einem Kunstmuseum ausgestellt zu werden. Und selbst in diesem
Museum, wo fast alles eine Chance bekommt, als Kunst gesehen zu werden, fristen
diese Stücke ein Dasein am Rande... Schade.
Hier ein Verweis in der lokalen Zeitung zur Ausstellung der
Stücke.
Danke für diesen interessanten Tipp, Uta.
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