Im vergangenen Juni las ich in der Süddeutschen Zeitung einen
Artikel über eine Familie, die seit knapp drei Jahren versucht, ihren Alltag
ohne Plastik zu leben. Beeindruckend – und seitdem wird mir, obwohl ich mich auch
schon vorher durchaus für umweltbewusst und umweltaktiv hielt, noch viel
deutlicher bewusst, wie sehr Plastik unseren Alltag beherrscht. Wie schnell
kommt bei der Zubereitung von Essen eine solche Anzahl von Plastikresten
zusammen. In Deutschland schmeißen wir sie in den gelben Sack und halten uns
für großartige Recycler, ohne genau darüber nachzudenken, was mit diesem
Plastikmüll wirklich passiert:
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13 Teile Plastikverpackung |
Ungefähr zwei Wochen nach dem Artikel über die plastikfreie
Familie war in derselben Zeitung ein Foto von einem am Meeresstrand an der
Nordwestküste Kanadas verendet aufgefundenen Seevogel zu sehen, der vermutlich
an der kaum vorstellbaren Menge Plastikmüll in seinem Magen elendig zugrunde
gegangen ist. Solch ein Bild lässt mich nicht so einfach wieder los.
In der Ausstellung „The Föhr Reef“ gab es auch eine aus Hawaii beigesteuerte Vitrine, in der
die Korallen aus Plastikteilen oder am Strand gefundenen Plastikresten
gefertigt worden waren, und der dargestellte ‚Strand’ war ebenfalls aus am
richtigen Strand angeschwemmten Plastikteilchen zusammengetragen.
Während ich in Föhr am Strand entlanggegangen bin, habe ich
einiges an Plastikmüll und auch eine angeschwemmte Isolierdecke eingesammelt
und in den Mülleimer gebracht. Seitdem ich Kathy Loomis beim Sammeln und
Zusammenstellen von kleinen Päckchen Plastikmüll an der Küste der Outer Banks
in den USA begleitet habe, ist das eine fast automatische Handlung, wenn ich an
einem Strand entlanggehe.
Im Museum Tuch + Textil in Neumünster hatte ich im Sommer 2012 eine der Maschinen gesehen, die
dazu verwendet wird, aus PET-Flaschen Fäden zum Weben von „Textilien“ zu
gewinnen. Schon damals war ich mir nicht sicher, ob ich davon positiv
beeindruckt sein sollte. Und nicht erst seitdem ich in India Flints Buch„Second Skin“ gelesen habe, dass zahlreiche Produzenten inzwischen wegen
der Popularität dieser Art von „Textilien“ dazu übergegangen sind, nicht mehr
recycelte PET-Flaschen zu verwenden, sondern neue Flaschen direkt bei den
Herstellern zu beziehen, frage ich mich, wohin das noch alles führen soll.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es mal Zeiten
gab, als alle (naja – fast alle) Leute ganz selbstverständlich „Jute statt Plastik“-Taschen
trugen oder ihre Brotbeutelchen beim Bäcker über den Tresen reichten. Heute
werde ich in jedem Geschäft merkwürdig angesehen, wenn ich beim Bezahlen an der
Kasse auf die Plastiktüte verzichten möchte, manchmal muss ich es fünfmal, und mit
steigender Lautstärke wiederholen. Manchmal packe ich dann wieder aus der
Plastiktüte aus, wenn sie einfach nicht hören wollten. Manchmal resigniere ich
und sammle die so erhaltenen Tüten zu Hause in meiner Kiste, die mich dann bei
nächster Gelegenheit zum Stoffstand begleitet. Hin und wieder werde ich da sogar
eine Tüte wieder los, aber die Kundinnen da sind wenigstens meistens bereits
mit anderen (oft selbstgemachten) Taschen ausgestattet, in die die bei mir
gekauften Stücke Stoff noch lässig mit hineinpassen.
Beim Fischhändler am Markt darf ich seit einiger Zeit nicht
mehr mit meinen wiederverwendbaren Dosen von zu Hause kommen, weil es angeblich
ein neues Hygienegesetz gibt, dass „nichts mehr von außen über den Tresen in
den Verkaufswagen“ hineingereicht werden darf. Das Geld allerdings schon, und
es gibt doch einige Studien darüber, was für ein schmutziges Zeug Münzen sind.
Da sind meine frisch gespülten wiederverwendbaren Dosen aus hygienischer Sicht sicherlich
harmloser, auch wenn die ebenfalls aus Plastik sind. Bei der Olivenfrau
hingegen darf ich immer noch meine Dosen mitbringen – und ich habe nicht
nachgefragt, ob diese Verordnung sie und ihre Waren nicht betrifft.
Getränke gibt es fast nur noch in Plastikflaschen zu kaufen.
Zwar trinke ich meistens Leitungswasser, und ich versuche, mein Gewissen zu
beruhigen, indem ich, wenn ich tatsächlich mal eine Getränkeflasche kaufe, diese
mehrfach mit Leitungswasser auffülle und wiederverwende, bevor ich sie als
Pfandflasche wieder abgebe. Aber das ist dennoch Selbstbetrug. Und angeblich
auch unhygienisch, weil sich die Bakterien so ja ungehemmt vermehren
können.
Wenn man sich das alles anschaut, frage ich mich, wohin es
führen soll. Ich werde jedenfalls ab nächster Woche erstmal wieder zweimal pro
Woche Kröten und Amphibien über die Straße tragen. Hilft vielleicht nicht gegen
die Plastikberge, aber gegen zermatschte Kröten auf der Straße schon.
Dein Beitrag hat mich nachdenklich gemacht. Es ist ja wirklich so unendlich schwer diesen Plastikmüll zu vermeiden. Die Einkaufstüten kann man ja wirklich noch vermeiden, doch der Verpackungsmüll bleibt. Fragwürdige Hygienevorschriften, die das Mitbringen eigener Dosen verbieten sind angesichts der neuesten Lebensmittelskandale der reinste Hohn.
AntwortenLöschenSogar heute beim Stoffmarkt: ich wollte keine Tüte, den gekauften Stoff sollte ich dann ganz schnell in meine Tasche packen, weil die Händler wohl die Vorschrift haben den Stoff nur verpackt zu übergeben - da kann ich nur mit dem Kopf schütteln.
Viele liebe Grüße
Anke
Du hast völlig recht, Anke - es ist ja kaum möglich, selbst im Bioladen ohne Plastikmüll rauszukommen. Angeblich, weil 'der Verbraucher' sehen will, was er kauft...? Es braucht auch hier den Aufstand von unten. Und es erfordert sehr viel Durchhaltevermögen, um nicht ganz schnell verzweifelt aufzugeben unter dem Motto "es bringt ja doch nichts, wenn ich das alleine mache"...
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