Freitag, 4. Mai 2012

Nähen bildet.


Jedenfalls, wenn man es schafft, neben dem Geräusch der Nähmaschine auch noch das Geräusch, das nebenbei aus dem Radio kommt, wahr- und aufzunehmen. Am Dienstag hatte ich sogar rechtzeitig ins Radioprogrammheft geschaut und wusste: da willst du mal richtig konzentriert zuhören, also habe ich um 9.05  leise ein paar Fäden vernäht. Es kam „Das Kalenderblatt – Vor 150 Jahren wurde die Nähmaschine auf der Weltausstellung in London vorgestellt“. (Leider ist gerade dieses Kalenderblatt eines, das der Deutschlandfunk offensichtlich nicht auf der Webseite widergibt...)
Ich wusste natürlich, dass die Nähmaschine irgendwann im 19. Jahrhundert erfunden wurde, dass sie die Industrialisierung wesentlich vorangetrieben hat, und dass Herr Singer in den USA eine ziemlich schillernde Figur abgegeben hat, hatte ich neulich schon mal im Kalenderblatt eines anderen Senders mitgekriegt. Eine beeindruckende literarische Begegnung mit der Nähmaschine hatte ich als 11jährige in den USA, als ich beim Lesen der zahlreichen „Little House on the Prairie“-Bücher von Laura I. Wilder die Szene las, in der der Vater der Familie der Mutter als Überraschung eine Nähmaschine kauft, um ihr das lästige Nähen mit der Hand zu erleichtern. Dafür hatte er das Mastkalb der Familie verkauft, was die Mutter aus Bescheidenheit mit „Oh Charles, das hättest Du nicht tun sollen, es wirft Dich doch um ein Jahr zurück“ (oder so ähnlich) kommentiert. Dass eine Nähmaschine eine derartige Investition sein konnte, hatte ich mir damals natürlich noch nie überlegt. (Heute kann das ja variieren - zwischen der preiswerten Variante aus dem Discounter, oder den XXL-Maschinen, die vermutlich teurer sind als ein Kalb? Ich habe leider keine Ahnung von heutigen Kälberpreisen...)
Im Kalenderblatt war dann die Sprache von über 50 verschiedenen Herstellern, die 1862 ihre Modelle in London präsentierten. Es wurden die verschiedenen Berufe erwähnt, die von der Erfindung der Nähmaschine alles andere als begeistert waren, weil sie um ihre Arbeitsstellen fürchteten, wie Näherinnen, Hutmacher, und noch ein paar mehr. Von Weberaufständen hat man ja mal im Geschichtsunterricht gehört – gab es die auch auf Seite der Nähmaschinenopfer?
Weiterhin wurde über die Instrumentalisierung der Nähmaschine im Zusammenhang mit der Festlegung des bürgerlich-häuslichen Frauenbildes berichtet – die Nähmaschine als „moralisches Arbeitsmittel“, mittels dessen Mädchen frühzeitig Fleiß und Arbeitssinn beigebracht wurde.
Bei einem Blick in den Eintrag ‚Nähmaschine’ bei Wikipedia werden noch einige andere Aspekte erwähnt: Patentstreitigkeiten, technische Fortschritte bei den Entwicklungen der Greifer und Teile, Stichlängen, Firmen, Strukturwandel im Nähmaschinenherstellerbereich, Haushalts- und Industriemaschinen,usw... 

Bilddarstellung der Herstellung einer Naht nach dem
"Lexikon der gesamten Technik" von O. Lueger von 1904. Wikipedia
merkt an "der Wissensstand von damals kann inzwischen überholt sein".

Und wenn man dann noch weiter drüber nachdenkt, dass Mikrokredite in Bangladesh den dortigen Frauen die Gelegenheit geben, eine Nähmaschine zu kaufen und sich damit selbständig zu machen und sich eine neue Zukunft aufzubauen, dann betrachtet man das eigene Teil, an dem man immer wieder im Wesentlichen zum Spaß sitzt, doch mit ganz anderen Augen.
Sicher könnte man eine ganze Kultur- und Sozial- und Industriegeschichte über das Nähen und die Nähmaschine schreiben. Nähen bildet eben das Bewusstsein.

Kommentare:

  1. Eine kleine Geschichte dazu aus meiner Familie: Meine Grossmutter hielt sich auf ihrem Bauernhof immer eine paar Schweine zur Selbstversorgung, gefüttert meist mit Rüstabfällen. Gelegentlich verkaufte sie ein paar überzählige oder handelte sogar mit zusätzlichen Schweinen! Was sie nicht zur Aufbesserung des knapp bemessenen Haushaltsbudgets benötigte, investierte sie in Nähmaschinen für ihre sieben Töchter! So erhielt jede zur Hochzeit als Mitgift eine von diesen währschaften 730-er Bernina, die soviel ich weiss, fasst alle bis zum heutigen Tag Dienst tun.

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  2. Was für eine tolle Familiengeschichte, Cäcilia, vielen Dank. Sieben Nähmaschinen - wieviele Schweine das wohl insgesamt waren? Alle Achtung vor der Wirtschaftskraft Deiner Großmutter!

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  3. Danke, Uta. Ja, sie war ein Original in mancherlei Hinsicht. Meine Mutter und Tanten erzählen immer wieder Geschichten! Sie ist leider zu früh gestorben, als dass ich sie wirklich gekannt hätte.

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