Dann hatte ich den Eindruck, dass sie mich mehrfach
abschätzend ansah, aber bis ich mit meinem Gerät fertig war, hatte sie ihres
auch rausgezogen und war darein vertieft. Sie sah nett aus, und als sie merkte,
dass ich fertig bin, meinte sie lächelnd einmal kurz „Ich habe eigentlich auch
gar nicht geglaubt, dass Sie beißen würden“. Leider hatte ich nicht genug Zeit,
um zu warten, bis sie mit ihrem Gerät fertig war, und dann vielleicht noch ein
Gespräch anzufangen. Als ich gegangen war, hat es mir irgendwie leid getan.
Vor etlichen Jahren hatte ich mir einmal während eines
Besuches im Haus der Kunst, während dem ich im dortigen Café gelandet war,
alleine am Tisch saß und anderen Frauen beim alleine-am-Tisch-Sitzen zusehen
konnte, vorgenommen, in Zukunft mal ein Projekt daraus zu machen, sich
prinzipiell zu alleine sitzenden Frauen dazu zu setzen und ein Gespräch anzufangen.
Inwieweit sich daraus mit Kurzdokumentation und vielleicht sogar Fotos ein
Kunstprojekt entwickeln lassen würde, hatte ich nicht weiter durchgedacht, die
ursprüngliche Idee basierte im Wesentlichen auf meinen eigenen Erfahrungen
während der langen Jahre ohne Partner. Das Schwierigste zu der Zeit waren
nämlich die Café- und Restaurantbesuche alleine, und ich fragte mich, wie es
wohl ankommen würde, wenn man tatsächlich ganz gezielt auf alleine an einem
Tisch sitzende Frauen zuginge, um beiden das Alleinsein in dieser einen
Situation zu ersparen? Kurz nach der ersten Idee sind wir dann aber aus dem
Müncher Großraum weggezogen, ich bekam ein Kind, und da blieb dann nicht mehr
viel Zeit, um alleine in Museen rumzusitzen. Vielleicht kommen ja aber mal wieder
solche Zeiten.
Und da kann man ja schon mal vorher üben. Wer weiß,
vielleicht begegnet man Leuten, die eine ähnlich spannende Geschichte zu
erzählen haben, wie der kanadische Schreiner in London, der als Nachfahre in
der 17. Generation von der Schwester Anne des früheren englischen Königs
Richard III. jetzt den benötigten DNA-Beweis liefern konnte, um dessen
Identität ‚eindeutig’ feststellen zu können.
Mein Opa hat auch immer behauptet, wir wären Nachfahren von Karl dem Großen. Einen Nachweis hat er, trotz ahnenforscherischer Aktivitäten, dafür aber, glaube ich, nicht erbringen können. Wenn ich jetzt im Café auf Nachfahren von – hm, sagen wir Walter von der Vogelweide träfe...? Dafür hätte es sich doch sicherlich gelohnt, das Handy wegzulegen und lieber ein echtes Gespräch von Angesicht zu Angesicht zu beginnen. Und selbst wenn sich diese Frau einfach nur als eine nette Frau ohne großartige Vorfahren entpuppt hätte...
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aus Süddeutsche Zeitung: Foto des Skeletts von Richard III |
Mein Opa hat auch immer behauptet, wir wären Nachfahren von Karl dem Großen. Einen Nachweis hat er, trotz ahnenforscherischer Aktivitäten, dafür aber, glaube ich, nicht erbringen können. Wenn ich jetzt im Café auf Nachfahren von – hm, sagen wir Walter von der Vogelweide träfe...? Dafür hätte es sich doch sicherlich gelohnt, das Handy wegzulegen und lieber ein echtes Gespräch von Angesicht zu Angesicht zu beginnen. Und selbst wenn sich diese Frau einfach nur als eine nette Frau ohne großartige Vorfahren entpuppt hätte...
Ich werde jedenfalls in den nächsten Wochen nach Möglichkeit
vor dem Kurs immer nochmal kurz in das Café gehen. Vielleicht geht sie ja auch
öfter hin. Und dann spreche ich sie an.
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