Es sind jetzt zwanzig Jahre, ein Monat und 9 Tage, dass ich
offiziell in Bayern wohne. Als Zugezogene habe ich mich immer gefühlt, und
manchmal habe ich mich auch, halb im Scherz, als „Ausländerin in Bayern“
bezeichnet. Schon da war es nur ein halber Scherz – so richtig im Hals
steckengeblieben ist mir dieser Satz allerdings am vergangenen Wochenende. Als
die Einheitsregierungspartei dieses Bundeslandes allen Ernstes forderte, nach
Bayern zugezogene Ausländer sollten dazu angehalten werden, in der Familie
Deutsch zu reden. Mittlerweile hat ja glücklicherweise das heftige Zurückrudern
begonnen – aber der Schaden, der angerichtet wurde, kann wohl nicht mehr
gutgemacht werden.
Ich frage mich, welches Deutsch gemeint war – das Deutsch,
das gemeinhin als „Hochdeutsch“ bezeichnet wird, ja vermutlich nicht. Denn kein
anderes Bundesland legt soviel Wert auf die Bedeutung und den Erhalt der
lokalen Dialektformen des angeblich vom Aussterben bedrohten Bayerisch. Und als
nächste Frage müsste folgen, wieviele von den Regierungsangehörigen der
Regierung hier im Land überhaupt dieses Deutsch sprechen können bzw. in ihrer
Familie sprechen.
Und dann frage ich mich, in welcher Lebensrealität
diejenigen stehen, die diese Forderung vorgebracht und wohl auch ernst gemeint
haben. Ganz offensichtlich haben sie nie mit ihrer Familie im Ausland gelebt,
und den zusammenfügenden Einfluss der in der eigenen Familie gesprochenen
Muttersprache am eigenen Leib erfahren. Als ich mit meiner Familie mehrfach
länger in meiner Kindheit in den USA war, haben wir natürlich Deutsch in der
Familie gesprochen – und das Englisch in der Schule aufgeschnappt. Das waren
Aufenthalte, die freiwillig angetreten wurden, wir waren keine Flüchtlinge aus
Krisen- oder Kriegsgebieten. Das Zusammengehörigkeitsgefühl, das eine Familie
in einer fremden Umgebung braucht, insbesondere, wenn sie in extremen Notlagen
ihre Heimat verlassen mussten, ist von unschätzbarem Wert, es kann im
Wesentlichen durch die Sprache vermittelt werden – und es ist unverantwortlich
von den Oberen, da reinregieren oder darüber bestimmen zu wollen.
Aus Sicht einer ehemaligen Sprachwissenschaftlerin kann ich
dann nur noch betonen, dass es Quatsch ist, wenn Eltern, die vielleicht nicht so gut Deutsch können, ein fehlerhaftes Deutsch mit ihren Kindern
sprechen, denn dadurch lernen die dann wiederum fehlerhaftes Deutsch. Wichtig
sind intensive, normal-alltägliche Kontakte der aus fernen Ländern zu uns
gekommenen Menschen zu Deutsch sprechenden Menschen, in Ergänzung zu Sprachkursen.
Dann lernen alle voneinander – manche Deutsch, manche Toleranz, manche
vielleicht etwas über die große weite Welt.
Ich frage mich, in was für einer Umgebung ich hier lebe – jedenfalls
nicht in ‚meinem’ Land. Und Willkommenskultur stelle ich mir anders vor. Mein
Sohn allerdings wächst, wie Ausländerkinder das eben oft tun, zweisprachig auf,
durch Kontakt zu seinen Freunden lernt er draußen Bayerisch, und kann aber auch
fehlerfrei Deutsch sprechen.Aber nun weiss ich wirklich, dass ich Ausländerin
in Bayern bin, denn wir sprechen zu Hause Deutsch. Nur Witze werde ich darüber
vermutlich keine mehr machen.
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Postkartenidylle Bayern? |
Super geschrieben. Das Thema hat mich auch sehr beschäftigt und habe darüber in meinem Blog geschrieben.
AntwortenLöschenLG
Helena
Liebe Helena - vielen Dank für Deinen Kommentar - Leute wie Du müssen sich ja wirklich fragen, in was für ein Land Ihr Euch begeben habt. Und dann noch freiwillig! Und heute nacht brannten zukünftige Flüchtlingsunterkünfte, und die CSU-Granden tun völlig entsetzt und erschüttert. Ich könnte ...
AntwortenLöschenIch bin ganz froh, dass Du Dich gemeldet hast - kannst Du mir bitte nochmal den Link zu Deinem Blog schicken und Deine E-Mail schicken (wird nicht hier veröffentlicht), denn ich habe leider alle Visitenkarten, die ich im Elsass bekommen habe, zu gründlich aufgeräumt... Und hätte Dir sonst schon längst mal geschrieben!