Mein Spinnrad habe ich seit ca. 35 Jahren. Als Teenager habe
ich mal einen Spinnkurs an der Volkshochschule besucht, dort auf in der
Volkshochschule vorhandenem Spinnrad gelernt. Sehr schnell entstand natürlich
der Wunsch, ein eigenes zu besitzen. Das war damals aber gar nicht so einfach. Als
meine in der DDR lebende Tante von meiner Begeisterung erfuhr, wollte sie
daraufhin meiner Mutter bei einem ihrer Besuche dort das Familienerbstück
mitgeben, das bei ihr geblieben war, als meine Großmutter mit den beiden
anderen Töchtern ausgereist war. Weil dieses Spinnrad aber von vor 1949 war,
und deshalb nach DDR-Recht als ‚Antiquität’ galt, durfte es nicht ausgeführt
werden, und meine Mutter musste es an der Grenze wieder an meine Tante
zurückschicken. (Immerhin wurde es ihr nicht abgenommen, und eingekerkert wegen versuchten Antiquitätenschmuggels wurde sie auch nicht...) Daraufhin habe ich mich mit den
Gelben Seiten durch sämtliche Schreiner/Drechsler des Landkreises telefoniert
und gefragt, ob sie auch Spinnräder herstellen würden. Auf die Art ist ein
Schreiner, der wahrscheinlich überhaupt nicht wusste, was plötzlich los ist, zu
einem Großauftrag gekommen, denn aus dem Kurs haben gleich mehrere ein Spinnrad
bestellt, ich musste einen Teil meines Ersparten hinlegen, und dann konnte es
losgehen.
Gesponnen habe ich dann eine ganze Weile lang viel. Ich habe
heute noch den ersten Pullover aus selbstgesponnener Wolle – weiß, im
Aran-Muster. Allerdings hatte ich da ohne groß nachzudenken alles miteinander
verstrickt, was ich bis dahin gesponnen
hatte. Mit dem Ergebnis, dass die unterschiedlich dünn versponnenen Fäden, die
außerdem noch aus Wolle verschiedener Qualitäten stammten, dem Pullover eine
sehr eigenwillige Form mit einer gewissen Bauchigkeit bescherten. Aber ich
trage ihn heute noch. Während der Schwangerschaft war er sehr praktisch!
Nachdem mich der Quiltvirus erwischt hat, ist das Spinnen
eine ganze Zeit lang in den Hintergrund gedrängt worden, vor allem während der
Jahre, als ich wegen einer ständig lauernden Sehnenscheidenentzündung nicht
strickte. Wofür spinnen, wenn man es nicht anschließend verstricken kann? Aber
vom Spinnrad trennen konnte ich mich nicht, allerdings wanderte es irgendwann doch mal auf den Speicher, um die teilweise bissigen Kommentare
meines Mannes über unnütze Staubfänger zu unterbinden.
Letzten Sommer bekam mein Sohn von einer befreundeten
Schafhalterin ein bisschen ungesponnene, teil-gewaschene und kardierte Wolle
geschenkt, mit der sie ihn zum Spinnen ermuntern wollte. Das Spinnrad wanderte
wieder in den Wohnbereich. Die Mühsal des gleichmäßig Tretens, bevor man auch
nur wirklich dran denken kann, mit den Händen die Wollfasern in die sich
drehende Spule zu führen war für den 8-Jährigen aber noch nicht das Richtige,
und der erste Elan ebbte bald wieder ab. Mein Testversuch mit der Wolle war auch nicht vielversprechend, sie war einfach noch zu fetthaltig, auch nicht wirklich langfaserig.
Das Spinnrad stand. Auch, weil meine
nach Kanada ausgewanderte Freundin Maike dort das Spinnen für sich entdeckt
hat, immer wieder begeistert davon erzählt, und ich so ganz heimlich dachte,
„vielleicht komme ich ja doch demnächst mal wieder dazu.“ Der Handspinngilde
bin ich schon vor einer Weile beigetreten, wenn ich bisher im Verein auch nicht
als aktives Mitglied aufgetreten bin.
Vor drei Wochen fragte mich eine der Damen, die zum
Stricktreff kommt, ob ich ein Spinnrad hätte, und ob ich es ihr beibringen
könnte. Da bekam ich einen leichten Bammel – kann ich es denn überhaupt noch?
Also habe ich mich am selben Abend hingesetzt und probiert, ob das noch geht.
Geübt habe ich mit einem großen Sack ungesponnener Wolle, die im Keller unseres
Hauses stand, als wir eingezogen sind, und die ich schon damals vor dem
räumenden Zugriff meines Mannes gerettet hatte. Eine ganz wunderbar weiche und
ziemlich langfaserige Wolle, die das Spinnen zum Genuss macht! Und ich war
selbst erstaunt, wie schnell ich wieder flüssig treten, gleichmäßig einlaufen lassen
und einen ziemlich dünnen und gleichmäßigen Faden hinkriegen konnte.
Letzten Dienstag waren wir dann um acht Uhr früh beim
Steuerberater – immer ein Horrortermin im Jahr, weil wir immer spät dran sind,
immer Angst haben, dass nicht alle Unterlagen vorliegen... Ich finde
Steuerberater schlimmer als Zahnarzt, und das Wochenende vorher verbringe ich
unter extremer Anspannung. Diesmal waren wir aber ziemlich gut – nur drei
Sachen, die noch nachgereicht werden mussten und sogar innerhalb von einer
knappen halben Stunde Suchens gefunden werden konnten. Und als das passiert
war, brauchte ich Entspannung. Ich habe den ganzen Rest des Tages gesponnen
gesponnen gesponnen. Die erste Spule war sowieso fast voll, als ich an dem Tag
anfing, und die zweite habe ich dann auch vollgemacht. Und gleich noch
gezwirnt, und den Rest von der volleren Spule gegengeddreht, um gleich alles
nochmal so richtig auszuprobieren. Abends ging es mir dann wieder einigermaßen gut.
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Das Ergebnis eines langen Tages |
Das gezwirnte Garn ist mit etwas zuviel Zug gedreht worden,
so dass es noch einen kleinen Drall hat. Also ist es, wenn man es sehr kritisch
betrachtet, noch nicht so ganz gut zum Stricken geeignet. Aber es wäre jetzt
auch nicht völlig unmöglich, auf der linken Seite sieht es schon ganz gut aus.
Für das ungezwirnte Restchen fehlt noch der Stricktest.
Und dann fiel mir auch wieder der Name der Firma ein, wo ich
früher die ungesponnene Wolle besorgt habe. Und die Firma gibt es noch, inzwischen mit Internetauftritt...
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